QUIET WORDS

Alltags-Betrachtungen von Pascal Morché

POMERANZEN-POWER!

Die Farbe Orange

Heute wird’s gedanklich farbig. Orange passt gut in den Herbst; denken Sie nur an Kürbisse. Oder an Hermès. Schon im Thema muss gleich gesagt werden: Hermès ist klüger als Meinl! Während das einst so schöne Feinkostgeschäft in Wien am Graben ein als Wendeltreppe getarntes UFO in seinem Laden landen liess und dazu noch seine wunderbaren Sackerl in der Farbe orange abschaffte, eröffnete keine hundert Meter entfernt Hermès seine neue Boutique mit viel Orange und noch mehr Stil.

Die Farbe Orange - Pomeranzenpower© Hermès, PID/Votava, Unsplash

Das kluge Unternehmen aus Paris weiß (im Gegensatz zu Meinl) um den Wert von Kultur und seiner Corporate Identity. Zu der gehört ganz singulär: die Farbe Orange. Meinl ist kein kluges Unternehmen. Mit der Landung des UFOs und der Verbannung seiner Sackerl ist Meinl nur noch ein edler Supermarkt mit Sackerln, die nicht groß auffallen. Mehr nicht.

Orange sticht ins Auge! Orange ist alle Jahre wieder Trendfarbe! Über der Zukunft liegen Nebelschwaden: wohl dem, der da auf Orange vertraut. Überall dort, wo es ums Lebensnotwendige geht, findet man die Signalwirkung der Farbe Orange: Abfallwirtschaft („48er“)! Straßenbau! Notärzte! Survival, du hast eine Farbe: Orange! Als Notaggregat, Rettungsinsel, Schwimmweste, das Hermès-Sackerl... da merkt man schnell: Meinl braucht man nicht mehr zum Überleben.

Ja, Ihr Kolumnist führt einen Kleinkrieg mit Meinl (nicht nur, weil er einmal kein Tabasco zu seinen Austern bekam, sondern weil er  traurig ist, dass man ein so schönes Ladengeschäft zerstört hat). Zurück zur Farbe: Orange ist die farbliche Basis, auf der das gemeinschaftliche Miteinander funktioniert. Der Hammergriff: orange! Das Kabel, über das man nicht stolpern darf: orange! Der Autoblinker, der Fahrkartenautomat... Und weil Mode immer von der Straße kam, reagieren die hochsensiblen Seismographen der großen und etablierten Designer immer wieder auf Orange. Erste Stufe: Der Müllmann und der Straßenbauarbeiter. 2. Stufe: Techno-Fans färben ihre Haare orange und sind richtig hip, wenn eine original Müllmann-Joppe auf der verschwitzen Haut scheuert. So sendet der Raver als ravende Notrufsäule im Nebel der Clubs das verzweifelte Signal: Hier bin ich. 3. Stufe: die Modewelt von Dolce&Gabbana bis Zara wird Orange. Klug, wer schon immer auf Orange setzte. Hermès!

Goethe (Nicht immer nur an „Faust“ denken, der Mann beschäftigte sich auch mit „Farbenlehre“) ordnete die Misch- und Sekundärfarbe Orange der „Plusseite“ der Farben zu. Sie strahle „Wärme und Nähe“ aus und verbinde „die Leuchtkraft des Gelb mit der Vitalität des Rot.“ Der Herr Geheimrat spricht vom „milden Abglanz der untergehenden Sonne“ und warnt auch: „Das angenehm heitere Gefühl, das das Rotgelbe noch gewährt, steigert sich bis zum unerträglich Gewaltsamen im hohen Gelbroten.“ Ja, es sei kein Wunder, „dass energische und gesunde Menschen sich besonders an dieser Farbe erfreuen.“ Na schau!

Orange ist und bleibt die Farbe des Aufbruchs. Die späten 60er- und 70er-Jahre des längst vergangenen 20. Jahrhunderts sind in Orange getaucht: Das orangefarbene Telefon, das unter dem knallig orangefarbenen Plakat zum Musical „Hair“ stand; die Créme 21-Dose, die Kim-Zigaretten, Hare-Krishna-Brüder, Schalensessel; Opel-Manta (wahlweise Ford-Capri), alles jung, dynamisch, aktiv - alles orange. Manche fahren heute noch Autos in dieser Farbe.

So, jetzt wird’s noch ein wenig kulturhistorisch. Aber Sie sollen von meinen Kolumnen bei beauty.at ja auch etwas haben, bildungsmäßig. Ein erweiterter Horizont ist schließlich keine Augenkrankheit. Orange steht für Licht und Wärme. Seit Jahrtausenden prägt die Farbe die spirituellen Gewänder vieler Religionen. In Orange erscheint die keltische Göttin der Jugend und der Liebe ebenso wie Sophia, die griechische Göttin der Weisheit. Die Erleuchteten des Buddhismus tragen Orange und der Dalai Lama natürlich auch.

„Orange“ ist im Ursprung ein französisches Wort, welches (wenig elegant) mit „pomeranzengelb“ zu übersetzen ist. Das ändert nichts an der Dynamik der Farbe und der Schönheit des Verpackungsmaterials (Sackerl und kleine Kastln) bei Hermès. Wer weiß denn schon, dass eine Apfelsine bzw. Orange eine Pomeranze ist (außer man liest diese Kolumne). Für die  Wirkung der Farbe Orange gilt auch in der Mode Goethes Farblehrsinn: „als Kleidung“ sei sie „in mehr oder minderm Grade erfreulich und herrlich“.

„In mehr oder minderm Grade“, das sollte man bedenken, bevor man in die nächste Boutique stürzt, um sich farblich zum Leuchten zu bringen. Dann wäre der Mensch nur was viele ohnehin sind, eine Notrufsäule seiner selbst: „Ich trage Orange, also bin ich.“ Vorsicht! Nicht umsonst heißt es nur wenige Schritte weiter auf der Farbskala: „Lila – der letzte Versuch.“
#pascalmorche

ÜBER DEN AUTOR

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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