QUIET WORDS

Alltags-Betrachtungen von Pascal Morché

SCHÖN GLATT

Bügeln und Plattmachen – Die Ästhetik der Glätte.

Heute führt Sie Ihr Beauty.at-Kolumnist auf’s Glatteis – und beweist Ihnen auch noch, wie wohl Sie sich dort fühlen. Oder warum freuen Sie sich auf den „Wiener Eistraum“ am Rathausplatz?

Glatt wie die Skulpturen von Jeff Koos© Tobias Ebner

Da ist’s dann glatt, so schön glatt! Aber auch jenseits von Eislaufbahnen gilt, ob Holz oder Stahl, Stein, Textil oder auch Haut: Glatte Flächen faszinieren. „Das Glatte ist die Signatur der Gegenwart“, schreibt in „Die Errettung des Schönen“ der koreanisch-deutsche Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han. Als Beweis nennt er die Glätte der Skulpturen von Jeff Koons, die Oberfläche von Smartphones und den Trend zur Schamenthaarung. Eine glatte Fläche habe stets erotischen Appeal. Die Werbetexter eines Braun Rasierers dichten nicht grundlos: „Er macht Ihre Haut so glatt, dass man sie berühren möchte.“ Lassen glatte Oberflächen einen ‚haptischen Zwang’ entstehen?

Aber will man glatte Flächen nur betasten? Will man nicht sogar in sie eintauchen? Gibt es einen Hotelprospekt oder ein Hochglanzmagazin, in dem der Swimmingpool nicht mit spiegelglatter Wasseroberfläche abgebildet ist? Gehen wir nicht dort am Strand so gerne entlang, wo sich das Meer mit jeder Welle wieder zurückzieht und den Strand von allen Spuren glättet? Das Glatte berührt nicht, aber es will berührt sein. Und sei es, dass wir uns in die glatte Fläche eines Tiefschneehangs stürzen: wir wollen auf dieser Fläche erster sein, im Erwecken und im Zerstören.

Unsere Haut versuchen wir solange wie nur eben möglich straff und faltenfrei, eben glatt zu halten. Keine Freuden, keine Sorgen, keine Anstrengungen, die sich in Falten zeigen: Keine Patina des Lebens. Da aber weder Sport noch Botox oder Skalpell die freie „Entfaltung“ des menschlichen Körpers aufhalten, wollen wir zumindest den Stoff glätten, der unseren Körper unmittelbar umgibt. So versuchen wir mit Hitze, Druck und Dampf unserer Kleidung ihre faltige Lebendigkeit auszubügeln. Wie ein Schiff (es hat ja auch genau diese Form) gleitet ein Bügeleisen über welligen, zerknitterten Stoff, über jenes textile Ich. Es soll doch bitte ein Besseres, eben ein Glattes sein. Ein „Ich“ ohne Falten und Knitter, ohne Furchen und Wellen. Wir bügeln, plätten, mangeln, denn glatte Kleidung galt immer als Prestigeobjekt. Sie symbolisierte, dass man körperlich nicht arbeiten muss – körperliche Arbeit führt zum Zerknittern des Textils.

Zwar wird dem Knitterten in der Mode immer mal wieder (halbherzig) die Absolution erteilt. Aber hat es Werner Baldessarini ernst gemeint, als er Anfang der 80er-Jahre des längst vergangenen 20. Jahrhunderts die deutsche Sprache um das „Leinen-knittert-edel“-Bonmot bereicherte? Mit dem Antagonismus  „edlen Knitterns“ wappnete sich der clevere Modemacher von HUGO BOSS nur gegen Proteste der Betonanzugträger. Jene, die meinen, dass Knitter Karrieren killen können. Wahrscheinlich haben sie recht! Falten sind schließlich immer Vorwürfe auf der Oberfläche. Und Falten wie auch Vorwürfe stören im gehobenen Management empfindlich die Harmonie und die Bilanzen. In der Welt des Managements gilt: Falten, Vorwürfe und Widersprüche gehören niedergebügelt. Nur warum?

Mit dem Glatten verbinden wir: Eleganz, Sorgfalt, Perfektion. Ob es wirklich so ist, dass ein akribisch gebügeltes Hemd seinen Träger als sorgfältig und zuverlässig ausweist?... Im business-life gilt: je höher die Hierarchien, umso glatter die Hemden! Übrigens: Militär duldet nirgendwo auf der Welt Falten und Knitter in der Uniform. Der Triumph des Glatten: Das Niederbügeln des Widerspruchs.

Die glatte Oberfläche ist immer nur eine Oberfläche. Tiefer wollen wir gar nicht graben. Wie es unter dem Touchscreen aussieht, das verstehen wir ohnehin nicht. Sind wir an der Tiefe unter der Oberfläche überhaupt noch interessiert? Ja, denn es gibt Hoffnung: der „aalglatte Typ, blendend in jedem Sinn“ hat deutliche Kratzer bekommen. Der Charakter einer „glatten Person“ wirkt ohne Falten und Dellen höchst langweilig und zweifelhaft. Wir sollten in dem Prozess permanenter Faltungen das Entstehen unserer Persönlichkeit sehen. Wer auf seiner Lebenslinie nie einknickt, wird sich auch nie entfalten - und bleibt in seiner Glätte höchst langweilig. Wer wollte übrigens bestreiten, dass die zu Gebirgen gefaltete Natur für das Auge abwechslungsreicher ist als eine glatte, platte Landschaft – deren Reiz (einzig) in ihrer Überschaubarkeit liegt.

Ein aalglatter Mensch hält im Leben seine persönliche und individuelle Entfaltung (clever?) zurück . Er will niemandem Angriffs- und Widerspruchsflächen bieten, sondern mit seiner glatten Oberfläche überall glatt durchkommen. Ein glatter Mensch folgt gern jeder political correctness, wenn er sie nicht sogar vorgibt. Dass Politiker im allgemeinen glatt sind, scheint keine déformation professionelle zu sein, sondern Vorbedingung für ihre Tätigkeit. Byung-Chul Han verweist auf „einen Zusammenhang zwischen glatter Haut, glatter Kunst und glatter Politik.“ Denn „glatte Politik“ ist heute „Politik der Gefälligkeit“. „Politische Handlung im emphatischen Sinne“ müsse aber auch verletzen können, unbequem sein. Genau das ist die glatte Politik von heute nicht. „Politiker sind nur gefällige Handlanger des Systems.“ „Slick Bill“, der „glatte Bill“ war Clintons Spitzname; Obama galt als smart und cool (Coolness, die Zwillingsschwester des Glatten). Donald Trump ist nicht glatt - und gerade das macht ihn für viele so  verführerisch. Die Menschen haben vom Glatten genug.

Dass nichts in unserem Sein glatt läuft, können wir als Chance nutzen . Statt Probleme einfach niederzubügeln, zeugen Falten in Kleidung, Gesicht und Seele von Leben. Wer auf einer glatten Oberfläche Debatten austragen will, wird bald Ausrutschen: Es fehlen dann die „Anhalts“-punkte. Aus Angst (und aus Bequemlichkeit) vor Ecken und Kanten, vor Nähten und Falten wollen viele in Politik und in unseren Medien keine Debatten, Diskussionen und Widersprüche – sie polieren und schleifen Probleme ab, bis jede Diskussion schön glatt läuft. Bis jede Talkshow nach dem Muster „fünf Stühle - eine Meinung“ funktioniert. Also: wirklich schön glatt? Wenn wir jeden Vorwurf einfach ausbügeln wie eine Falte, so werden wir uns zwar glänzend in Harmonie spiegeln, doch zahlen wir dafür einen hohen Preis: Langeweile und Selbstbetrug.

Es sind Außenseiter und Einzelgänger, es sind die Unangepassten, die glatten Oberflächen ebenso misstrauen wie glatten Menschen. Manchmal gelingt ihnen die Rebellion gegen das Glatte – und manchmal bleibt auch ihnen nur die Flucht davor: „Lebet wohl, ihr glatten Säle, / Glatte Herren! Glatte Frauen! / Auf die Berge will ich steigen, / Lachend auf Euch niederschauen.“ Diese Zeilen stellt Heinrich Heine seiner „Harzreise“ voran.
#pascalmorche

ÜBER DEN AUTOR

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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