QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

#ich nicht!

Ihr Kolumnist hat mit den beiden Geschlechtern Mann und Frau schon genug zu tun – dass es nun noch ein drittes gibt, geht ihm ziemlich auf die Nerven.

Euterpflege

Ich will hier jetzt erstmal die Freiheit preisen, die meine Chefredakteurin und Verlegerin mir an dieser Stelle immer schenkt! Anders, als bei so ziemlich allen anderen journalistischen Produkten in Print, Internet oder TV werde ich hier in dieser Kolumne nie genötigt. Das heißt: Meine Meinung muß in dieser Kolumne nicht konform der Mainstreammedien, also politisch links sein; ich muß niemandem gegenüber willfährig und gefällig sein; ja, schon gar nicht muß ich irgendwelche Hersteller von Beautyprodukten loben, auf dass sich die PR-Balken bieten. Übrigens: Wenn ich letzteres tun müßte, so würde ich jetzt „Euterpflege spezial“ des deutschen (!) Herstellers Haka mit den Worten preisen: „Ich liebe Euterpflege!“ Tatsächlich gibt es keine bessere Creme gegen Schrunden und Wunden, gegen Risse in der Haut und gegen die Trockenheit der Epidermis. Euterpflege klebt nicht, riecht nicht, schmiert nicht. Euterpflege heilt und hilft von geröteten Nasenflügeln bis zu hornhäutigen Fußballen. Euterpflege heißt wirklich Euterpflege und die 200 ml-Tube ist auch konsequent in schwarz-weißer Kuh-Optik gehalten. Klar, der Name Euterpflege erinnert an Besamertabellen in Kuhställen (Knaus-Ogino für’s Vieh) und an alles, was heute unter „Fruchtbarkeitsmanagement“ wie Brunstnutzung und Besamungserfolg subsumiert wird. Aber ich verspreche Ihnen, verehrte, liebe Kolumnenleserin, diesmal will ich mich pornografisch zurückhalten. Und zu diesem hehren Vorsatz gehört das sexuelle Bekenntnis: Ich verwende Euterpflege, aber ich habe keine Euter!

Zugegeben, eleganter habe ich es noch nie geschafft zum eigentlichen Thema der Kolumne überzuleiten: Zum 3. Geschlecht, zur Intersexualität. Das 27jährige Vanja ist weder männlich noch weiblich, sondern wegen seines atypischen Chromosomensatzes intersexuell. Das Vanja klagte nun um die juristische Anerkennung als inter und das mit Erfolg! Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat, aus Ermanglung der Lösung anderer Probleme, festgestellt, dass es zukünftig im Geburtenregister und im Pass drei Rubriken zur Identifizierung des eigenen Geschlechts geben müsse: männlich, weiblich und divers. Damit da keine Missverständnisse auftauchen, sind hiermit ausdrücklich nicht Geschlechterschubladen wie lesbian, gay oder bisexual gemeint. Das Gericht, immerhin das höchste Deutschlands, habe deutlich gemacht, dass es Menschen gibt, die nicht als Mann oder Frau leben, und dass das keine Störung ist“, sagte Vanja (nicht mit dem Onkel von Tschechov zu verwechseln) nach dem Urteil. Es sei „ein Schritt in die richtige Richtung“.

Nun wird die Phrase vom Schritt in die richtige Richtung so oft strapaziert, dass ich mich wundere, dass es überhaupt noch  falsche Richtungen gibt. Aber, Juchuuuu, es ist mit der Erweiterung der  geschlechtlichen Definitionspalette wieder einmal ein Hype entstanden. Politisch korrekt hat man sich an Sprachkodizes zu halten und von „transidenten und geschlechtsvarianten Menschen“ zu sprechen. Facebook hat sich daran ein Beispiel genommen und bietet seinen amerikanischen Usern inzwischen 71 (!) Möglichkeiten der sexuellen Selbstbestimmung. Darunter „gender questioning“ (das Geschlecht hinterfragend), „two-spirit“ (zweigeistig) und „neutrois“ (Neutrum). Also, ich bin verwirrt! Ich finde nämlich, dass die zwei Geschlechter Mann und Frau schon seit 300.000 Jahren genug Ärger und Freude und Arbeit machen und dass man es ruhig dabei belassen könnte. Einen Hermaphroditen, also einen Zwitter mit Penis und Brüsten, kannte ich eigentlich nur schlafend von Bernini aus dem Louvre in Paris. (Googeln Sie mal! Auf die Marmormatratze kann man neidisch werden). Dann kannte ich auch noch den martialischen Ausspruch des Schwimmtrainers einer Olympiamannschaft des real existierenden Sozialismus: „Wir können aus Frauen Männer machen, aber nicht aus Männern Fische!“ Ja, und dann kamen die Hybrid-Autos auf die Straßen mit Elektro- und Verbrennungsmotor. Auch so ein Schritt in die richtige Richtung.

Nun aber zum neuen Geschlechts-Hype im medialen Alltag. Da wird suggeriert, dass schon Kindergartenkinder psychiatrische Praxen stürmen, weil sie nicht wissen, ob sie Mädchen oder Buben sind. Nach dem Urteil des Deutschen Bundesverfassungsgerichts stehen Schulen nun vor der Herausforderung, die Benutzung von Turngarderoben für Intersexuelle zu regeln. Und: neue Häusl braucht das Land! Intersexuellen kann schließlich niemand zumuten, dass sie ein Männer- oder ein Frauen-Klo  benutzen, eben so wenig, dass sie auf herkömmliche Ampelmännchen oder Ampelweibchen reagieren. Also, bei allem Respekt vor Intersexuellen als mikroskopisch kleine Minderheit der Bevölkerung (in Österreich kommen im Schnitt pro Jahr 20 Babys ohne eindeutiges Geschlecht zur Welt), aber das Hochjubeln aller möglichen Geschlechtsvarianten könnte am Ende das Gegenteil des Erwünschten bewirken: Intoleranz und Konservativismus total! „Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an“ – heißt es bei Schikaneder in der Zauberflöte und der Hausverstand, der sagt das auch. Zumindest wäre es weiterhin sehr wünschenswert.

Pascal Morché

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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