Von Kettenhemden und Kronleuchtern

Olivier Rousteings Aufbruch bei Rabanne

Es ist ein Bild voller Symbolik: Anlässlich der offiziellen Ankündigung am 14. Juli 2026, dem französischen Nationalfeiertag, posiert Olivier Rousteing mit einem ikonischen Rabanne-Kettenhemd in der Hand: Silber, schimmernd, unverwechselbar. Ein Designer, der bei Balmain 14 Jahre lang für opulente Verzierung, scharfe Schultern und glamouröse Rüstung stand, hält nun das Original in den Händen: das Kettenhemd, das Paco Rabanne 1966 mit Zangen und Stahlringen zusammengefügt hatte, während Coco Chanel noch spöttisch murmelte: „Er ist kein Couturier, er ist ein Metallarbeiter."

Olivier Rousteing bei der offiziellen Ankündigung© Courtesy of Puig/Rabanne c Francesca Beltran

Heute, fast 60 Jahre später, erweist sich Coco Chanel als Prophetin  und gleichzeitig als jemand, der den Punkt vollkommen verfehlte. Denn genau diese Metallverarbeitung, diese radikale Hands-on-Ästhetik, die Architektur des Körpers in Stahl und Rhodoïd, wird nun zum Fundament für Rousteings nächstes Kapitel. Und wenn jemand weiß, wie man aus Materialien eine kulturelle Bewegung macht, dann ist es der 40-Jährige, der Balmain von 30 Millionen auf geschätzte 300 Millionen Euro Jahresumsatz katapultierte. 

Rabanne: Ein Haus, das die Regeln schrieb, indem es sie brach
Um zu verstehen, warum diese Personalie so elektrisierend ist, muss man zurück in das Paris der 1960er-Jahre reisen. Paco Rabanne, geboren 1934 im spanischen Baskenland, floh mit seiner Mutter – einer ehemaligen Näherin für Cristóbal Balenciaga – vor dem Bürgerkrieg nach Paris. Er studierte Architektur an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts, und genau diese strukturelle, mathematische Denkweise prägte sein gesamtes Schaffen. 

1966, mit 32 Jahren, lancierte er seine erste Kollektion unter dem provokanten Titel „12 unwearable dresses in contemporary materials" – zwölf „untragbare" Kleider aus zeitgenössischen Materialien. Papier, Plastik, geprägtes Messing, Stahlringe. Keine Nadel, kein Faden, sondern Zangen und Draht. Die Models klapperten über den Laufsteg wie futuristische Ritterinnen. Salvador Dalí, nicht gerade bekannt für zurückhaltende Komplimente, nannte ihn daraufhin „das zweite Genie Spaniens" (neben sich selbst versteht sich).

Doch Rabanne war mehr als ein provokanter Materialfetischist. Er war ein Visionär der Emanzipation. „Die Frau von morgen wird effizient, verführerisch und ohne Zweifel dem Mann überlegen sein. Für diese Frau konzipiere ich meine Entwürfe." Seine Kleider waren Rüstungen – schützend, konfrontativ, unapologetisch stark. Hollywood verstand das früher als Paris: 1968 kleidete er Jane Fonda für Barbarella in durchsichtige Metall-Mesh-Gewänder, die den Kino-Futurismus neu definierten. Audrey Hepburn trug seine Scheibenkleider in Two for the Road , Brigitte Bardot und Jane Birkin ließen sich von ihm einkleiden. 

Die Parfümerie-Revolution folgte 1969 mit Calandre  - ein Duft, der blumige und zypriotische Noten mischte und damit die traditionelle Parfümerie herausforderte. Die Partnerschaft mit Puig begann in den späten 1960er-Jahren und mündete 1987 in der vollständigen Übernahme des Hauses durch den spanischen Konzern. Unter Julien Dossena, der seit 2013 kreativ leitete, wurde Rabanne für eine neue Generation neu definiert. Die Scheibenkleider und Kettenhemden wurden geschichtet, weicher, für das moderne Leben erdacht, ohne ihren radikalen Geist zu verlieren. 

2023 vollzog das Haus einen strategischen Schritt: Aus Paco Rabanne wurde schlicht Rabanne, eine Namensreduktion im Stil von Saint Laurent, begleitet von neuer visueller Identität und der ersten Make-up-Linie. 2023 überschritt Rabanne als erste Puig-Marke die Milliarde-Euro-Umsatzgrenze, getrieben von Düften wie 1 Million , Invictus und Fame . 

Rousteings roter Faden: Vom Cavalli-Feuer über Balmain bis Rabanne
Olivier Rousteings Karriere liest sich wie ein Roman über die Eroberung der Mode durch reine Entschlossenheit. Geboren 1985 in Bordeaux, von seinen Eltern im Alter von fünf Monaten adoptiert, verließ er die Modeschule ESMOD nach nur einem Semester – aus Mangel an kreativem Freiraum, wie er später sagte. „Ich kämpfte, weil ich keine Schule oder keinen Hintergrund hinter mir hatte, nur Entschlossenheit und Verlangen."

Mit 18 begann er als Praktikant bei Roberto Cavalli in Florenz, wo er fünf Jahre lang die Damen-Ready-to-wear leitete. Dort lernte er von Eric Wright, einem ehemaligen Mitarbeiter von Karl Lagerfeld, die 360-Grad-Perspektive der Mode: Stoffe, Produktionsprozesse, Fashion Shows, Celebrity-Kooperationen. 

2009 wechselte er zu Balmain, zunächst als rechte Hand von Christophe Decarnin, dessen Rock'n'Roll-Glamour-Ästhetik ihn nach Paris gelockt hatte. Im April 2011, mit 25 Jahren, wurde Rousteing zum Creative Director ernannt – der jüngste nicht-gründende Designer an der Spitze eines großen Pariser Hauses seit Yves Saint Laurent bei Dior. Was folgte, war eine der bemerkenswertesten Transformationen in der jüngsten Modegeschichte. Rousteing machte aus Balmain, das zuvor als elitärer Ivory-Tower galt, ein globales Kulturphänomen. 

Seine Rezepte:
1. Die Rüstung als Identität: Scharfe Schultern, taillierte Silhouetten, aufwendige Perlenstickereien und Verzierungen - seine Designs waren keine Kleider, sondern Statement-Rüstungen für die Selfie-Ära. Die „Balmain Army", seine Gemeinschaft aus Models, Influencern und Celebrities, wurde zu einer kulturellen Bewegung. 

2. Die Macht der Popkultur: Kim Kardashian, Beyoncé, Rihanna, Zendaya, Justin Bieber - Rousteing verstand früher als fast jeder andere, dass Mode heute durch Momente lebt. 2014 entwarf er das perlengeschmückte Minikleid für Kardashians Junggesellinnenabschied, 2022 kreierte er ein maßgeschneidertes Skelett-Kleid für Beyoncés Met-Gala-Auftritt. Er war der erste französische Designer, der eine Million Instagram-Follower überschritt, heute sind es 9,4 Millionen. 

3. Das Ökosystem denken: 2015 die H&M-Kollaboration, bei der Fans auf der Straße schliefen, um die Stücke zu ergattern. 2019 die Rückkehr zur Pariser Couture Show. 2022 die Gast-Kollektion für Jean Paul Gaultier Haute Couture – eine Puig-Marke und eine Verbindung, die nun vollends Sinn ergibt. 2023 der Launch von Balmain Beauty mit Estée Lauder. Er expandierte in Accessoires, Schmuck, Beauty. 

4. Die Verletzlichkeit als Kraft: 2020 erlitt Rousteing schwere Verbrennungen am gesamten Körper, als ein Gaskamin in seinem Zuhause explodierte. Seine Frühjahr/Sommer-2022-Kollektion war eine Ode an die Heilung: gaze-artige Bandagenkleider, die Schmerz in Schönheit verwandelten. „Meine letzte Show handelte vom Triumph der Heilung über den Schmerz. Ich erinnere mich, als sie alle meine Verbände abnahmen, fühlte es sich an wie FREIHEIT."

Der rote Faden durch all diese Jahre? Rousteing versteht Mode als emotionale Identität, als Rüstung und als Befreiung zugleich. Er kleidet nicht nur Körper, er erzählt Geschichten von Stärke, Inklusion und Selbstbehauptung. Und diese Philosophie – Mode als Werkzeug der Identität, als Mut zur Selbstdarstellung – steht in perfekter Resonanz mit Paco Rabannes Vision von Freiheit und Individualität.

Die Synergien sind so offensichtlich, dass man sich fragt, warum diese Verbindung nicht schon früher geschlossen wurde. Ana Trias, President der Prestige & Fashion Brands bei Puig, formulierte es präzise: „Olivier Rousteings kreative Vision ist mutig, anziehend und tief mit der Energie unserer Zeit verbunden. Seine einzigartige Fähigkeit, Mode zu schaffen, die Selbstbewusstsein und individuellen Ausdruck zelebriert, macht ihn zur idealen Wahl für Rabanne."

Und Rousteing selbst versteht, in wessen Fußstapfen er tritt: „Teil von Rabanne zu werden, ist für mich eine außerordentliche Ehre. Dieses Haus hat Konventionen seit jeher infrage gestellt und mutige Ideen in Kreationen verwandelt, die Modegeschichte geschrieben haben. Sein Geist der Innovation, seine Handwerkskunst und seine furchtlose Kreativität haben Generationen inspiriert – und heute inspirieren sie mich."

Was kommt im März 2027? Eine Prognose
Rousteings erste Show für Rabanne wird im März 2027 während der Paris Fashion Week stattfinden und die Erwartungen sind natürlich hoch. Doch die Indizien für sein kreatives Programm liegen bereits auf dem Tisch und wir wagen die Prognose:
Die Rückkehr der Metall-Rüstung : Rousteing hat bei Balmain bewiesen, dass er Verzierung wie keine andere beherrscht. Stellen Sie sich vor: Rabannes legendäre Kettenhemden, neu interpretiert mit Rousteings opulenten Perlenstickereien, scharfen Schultern und taillierten Silhouetten. Eine Verschmelzung von 1966 und 2027.
Das Beauty-Ökosystem: Puig hat mit der „One Rabanne"-Strategie bereits begonnen, Mode und Beauty zu vereinen. Rousteings Erfahrung mit Balmain Beauty und seine 9,4 Millionen Instagram-Follower machen ihn zum perfekten Architekten eines universellen Rabanne-Erlebnisses – von der Runway über den Duft bis zum Make-up. 
Die Celebrity-Strategie neu aufgeladen: Rabanne hat mit seinen Düften bereits eine massive globale Reichweite. Rousteing wird diese mit seiner unerreichten Fähigkeit verbinden, red-carpet-Momente zu schaffen, die die Welt verändern. Wer wird das erste Rabanne-Kettenhemd bei den Oscars tragen?
Inklusion als DNA: Als erster Farbiger an der Spitze eines französischen Luxushauses hat Rousteing immer für Diversität gekämpft. Rabannes Vision der „überlegenen Frau von morgen" bekommt bei ihm eine zeitgemäße, inklusive Dimension.
Neue Produktkategorien: Das Haus kündigte an, unter Rousteings Leitung „sein Universum durch neue Produktkategorien weiter auszubauen und ein umfassendes Ökosystem zu gestalten". Ob Schmuck, Home-Accessoires oder digitale Mode – Rousteing hat bei Balmain bewiesen, dass er Grenzen verschieben kann. 
Rabanne